Ratlos vor der Maus

Kultur in Neukölln ist meist ein Vergnügen. Jedenfalls gilt das für den „Heimathafen“ an der Karl-Marx-Straße oder auch für die Neuköllner Oper fast nebenan. Mein Google-Kalender listet für die letzten zehn Jahre ein gutes Dutzend Veranstaltungen auf, die wir in einem der beiden Häuser besucht haben. Zudem erinnere ich mich an mehrere dortige Veranstaltungen, die der Kalender gar nicht zeigt. Ich führe ihn offenbar nicht sorgfältig genug.

In der Neuköllner Oper war gestern Abend Premiere der 140 Jahre alten Johann-Strauss-Operette „Die Fledermaus“.

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Clubland

Der Garrick 'Club
„One of the oldest, most highly esteemed and most exclusive member clubs in the world.“ So beschreibt Wikipedia den Garrick Club in London. Foto: lonpicman. Fotorechte: GNU Free Documentation License, Version 1.2

Das Vereinigte Königreich hat bei dem Plebiszit am 23. Juni seinen Austritt aus der EU beschlossen. Mit 16 Millionen Ja- gegenüber 14 Millionen Nein-Stimmen haben die Engländer und die Einwohner von Wales dabei die Schotten und die Nordiren überstimmt. Dort stimmten 2,1 Millionen Einwohner gegen und nur knapp 1,4 Millionen für den Austritt. Für den Fall, dass die Regierung das Plebiszit vollzieht, spielen die Schotten jetzt wieder offen mit dem Gedanken, das Königreich ganz zu verlassen.

Aber woher kommt der offensichtliche Hang vieler Engländer zur Selbstisolierung? Mir scheint, dass der dem Brexit zuneigende Teil des Inselvolks für Europa gerne das wäre, was die Mitglieder eines exklusiven Londoner „Gentlemen’s Club” für ihre nicht zum Club gehörigen Landsleute sind. In der politischen Debatte Englands wird der Vorgang tatsächlich oft einfach als „Leaving the Club“ bezeichnet.

Diese Assoziation ging mir auch durch den Kopf, als ich kürzlich – drei Monate nach dem Brexit-Votum – erstmals einen Londoner Mitglieder-Klub betrat. Ich nehme den Gedanken jetzt einmal zum Anlass zu einem ausgedehnten Streifzug durch das Londoner „Clubland” und lasse meiner Spekulation dabei freien Lauf.

Und warum interessiert mich das überhaupt? Das hat – zugegeben – sehr subjektive, in der eigenen Biografie liegende, Gründe. Ich beginne deshab auch mit einem höchst persönlichen Rückblick. Und dann kommt auch noch ein historischer. Das Ganze wird vielleicht manchen langweilen. Ich selbst aber mache mir jetzt den Spaß, hier einfach ein bisschen von meinen Erinnerungs- und Netzfundstücken aus der Hauptstadt Brexitanniens zu erzählen. Clubland weiterlesen

Imogen

Wer den englischen Frauennamen auf deutsch so ausspricht, wie er geschrieben wird, tut ihm Gewalt an. Aber auch die in Wikipedia veröffentlichte Lautschrift von Imogen als ˈɪmədʒən (mit einem Anfangs-i wie in „immer“) stelle ich in Frage. Auf jeden Fall richtig ist Immidschin (ˈimidʒin). So habe ich den Namen jetzt mehrere Dutzend Male von Leuten flüstern, deklamieren oder brüllen gehört, die es wissen müssen: von den Schauspielerinnmen und Schauspielern im Londoner Shakespeare’s Globe Theater.

In dem kreisrunden halboffenen Bühnenbau am Themse-Ufer (Foto oben: Andreas Praefcke) steht derzeit eine atemberaubend moderne Interpretation des Shakespeare-Dramas „König Zymbelin“  (englisch „Cymbeline“)  auf dem Programm. Imogen weiterlesen

Eight Days a Week

Vorgestern (15. September) kam der Dokumentarfilm „The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years“ des amerikanischen Filmemachers Ron Howard in die angelsächsischen und, mit Untertiteln, in die deutschen Kinos. Eigentlich wollte ich ihn sofort am ersten Tag sehen. Aber wir haben ihn uns dann einen Abend später im Hackesche Höfe Kino angeschaut. Jetzt, anderthalb Stunden nach Mitternacht und eine weitere Stunde nach dem Filmende, sitze ich in einer Kneipe unter des S-Bahn Hackesche Höfe und bin noch ganz von dem Streifen gefangen.

Der Film hat mich berührt. Die Beatles sind, wie es weltweit für die Mehrheit meiner Altersgenossen gilt, Teil meiner eigenen Biografie. Eight Days a Week weiterlesen

Das verpasste Wembley-Tor

ein FußballHeute vor fünfzig Jahren war ebenfalls ein Sonnabend. Ich hatte Schulferien und befand mich in London. Abends streifte ich mit Holger Kühn, einem Klassenkameraden vom Kirchenpauer-Gymnasium in Hamburg, durch Soho. In einer Kneipe, die damals direkt unter dem Pickadilly Circus lag, hatten wir etwas getrunken. Als wir wieder ans Tageslicht kamen, erstaunte uns ein zunehmender Strom singender, tanzender und feiernder Menschen. Leute bildeten massenhaft Reihen, indem sie sich gegenseitig an den Schultern festhielten, hüpften und im Rhythmus ihres Gesangs abwechselnd das rechte und linke Bein nach vorn warfen.

Es herrschte eine frohe, geradezu ausgelassene Das verpasste Wembley-Tor weiterlesen

Das knarzende Alsion

Sonderborg von oben
Sonderburg an der Mündung des Alsen Sund in die Flensburger Förde. Foto: Lars Plougmann. Quelle + Rechte

Der Alsensund ist eine acht Kilometer lange dänischen Meerenge. Sie trennt die Insel Alsen vom Festland und mündet auf der Südseite in die Flensburger Förde. Weit mehr als ein Dutzend Mal habe ich den Sund in offenen oder geschlossenen Booten durchsegelt oder zumindest vor der Altstadt von Sonderburg (dänisch: Sønderborg) und dem dortigen Schloss fest gemacht. Meine Frau und mich verbindet ein abenteuerlicher Jollentörn von der Schlei aus mit dieser Stadt.

Wir waren frisch verliebt. Aber das Wasser war kalt und kabbelig. Das knarzende Alsion weiterlesen

Faust auf den Tisch

SonntagsfrühstückFrühstück am Sonntagmorgen. Gesprächsthema unter anderem: die vierstündige Faust I und II – Aufführung des Berliner Ensemble am Vorabend in der Inszenierung von Robert Wilson und in Anwesenheit des Komponisten Herbert Grönemeyer. Schauspielerisch, aber vor allem stimmlich phantastisch: Christopher Nell als Mephistopheles. Musik: gefällig, teilweise spontan ohrwurmhaft. Die Textfassung von Jutta Ferbers klatscht das Ende von Faust II an das Ende von Faust I und lässt Faust II pessimistisch statt, wie in Goethes Original, optimistisch oder zumindest versöhnlich enden. Ist aber egal, weil das Ganze nach meinem Empfinden nicht als Schauspiel, sondern als Videokollage konzipiert ist und als solche virtuos, kurzweilig und witzig daher kommt. Wer sich für die „Philosophie“ des Faustthemas interessiert, hat hier nichts zu finden. Ebenso zu kurz kommt, wer zumindest den Plot verstehen will und ihn nicht sowieso schon kennt.

Das Stück hat viel Beifall bei der Kritik gefunden. Ich finde, auch diese Inszenierung markiert mal wieder den Sieg der Form über den Inhalt. Aber das stört heute kaum noch einen Kritiker.

Widerruf: Heute Abend habe ich noch ein paar Kritiken zur Premiere im April vergangenen Jahres nachgelesen – Deutschlandunk, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, ZEIT. Ich habe den Kritikern unrecht getan. Sie sind keineswegs so euphorisch, wie ich aus falscher Erinnerung behauptet habe. Sie gehen mit der Inszenierung doch hart ins Gericht. Obwohl ich zum Teil ganz andere Sachen schlecht fand, als sie.