Imogen

Wer den englischen Frauennamen auf deutsch so ausspricht, wie er geschrieben wird, tut ihm Gewalt an. Aber auch die in Wikipedia veröffentlichte Lautschrift von Imogen als ˈɪmədʒən (mit einem Anfangs-i wie in „immer“) stelle ich in Frage. Auf jeden Fall richtig ist Immidschin (ˈimidʒin). So habe ich den Namen jetzt mehrere Dutzend Male von Leuten flüstern, deklamieren oder brüllen gehört, die es wissen müssen: von den Schauspielerinnmen und Schauspielern im Londoner Shakespeare’s Globe Theater.

In dem kreisrunden halboffenen Bühnenbau am Themse-Ufer (Foto oben: Andreas Praefcke) steht derzeit eine atemberaubend moderne Interpretation des Shakespeare-Dramas „König Zymbelin“  (englisch „Cymbeline“)  auf dem Programm. Imogen weiterlesen

Eight Days a Week

Vorgestern (15. September) kam der Dokumentarfilm „The Beatles: Eight Days a Week – The Touring Years“ des amerikanischen Filmemachers Ron Howard in die angelsächsischen und, mit Untertiteln, in die deutschen Kinos. Eigentlich wollte ich ihn sofort am ersten Tag sehen. Aber wir haben ihn uns dann einen Abend später im Hackesche Höfe Kino angeschaut. Jetzt, anderthalb Stunden nach Mitternacht und eine weitere Stunde nach dem Filmende, sitze ich in einer Kneipe unter des S-Bahn Hackesche Höfe und bin noch ganz von dem Streifen gefangen.

Der Film hat mich berührt. Die Beatles sind, wie es weltweit für die Mehrheit meiner Altersgenossen gilt, Teil meiner eigenen Biografie. Eight Days a Week weiterlesen

Das verpasste Wembley-Tor

ein FußballHeute vor fünfzig Jahren war ebenfalls ein Sonnabend. Ich hatte Schulferien und befand mich in London. Abends streifte ich mit Holger Kühn, einem Klassenkameraden vom Kirchenpauer-Gymnasium in Hamburg, durch Soho. In einer Kneipe, die damals direkt unter dem Pickadilly Circus lag, hatten wir etwas getrunken. Als wir wieder ans Tageslicht kamen, erstaunte uns ein zunehmender Strom singender, tanzender und feiernder Menschen. Leute bildeten massenhaft Reihen, indem sie sich gegenseitig an den Schultern festhielten, hüpften und im Rhythmus ihres Gesangs abwechselnd das rechte und linke Bein nach vorn warfen.

Es herrschte eine frohe, geradezu ausgelassene Das verpasste Wembley-Tor weiterlesen

Das knarzende Alsion

Sonderborg von oben
Sonderburg an der Mündung des Alsen Sund in die Flensburger Förde. Foto: Lars Plougmann. Quelle + Rechte

Der Alsensund ist eine acht Kilometer lange dänischen Meerenge. Sie trennt die Insel Alsen vom Festland und mündet auf der Südseite in die Flensburger Förde. Weit mehr als ein Dutzend Mal habe ich den Sund in offenen oder geschlossenen Booten durchsegelt oder zumindest vor der Altstadt von Sonderburg (dänisch: Sønderborg) und dem dortigen Schloss fest gemacht. Meine Frau und mich verbindet ein abenteuerlicher Jollentörn von der Schlei aus mit dieser Stadt.

Wir waren frisch verliebt. Aber das Wasser war kalt und kabbelig. Das knarzende Alsion weiterlesen

Sommereinstieg

Daniel Barenboim noch mit Lisa Batiashwili und der Staatskapelle Berlin
Noch in Arbeitsklamotten: Gut eine Stunde vor Konzertbeginn übt Daniel Barenboim mit Lisa Batiashvili und der Staatskapelle. Foto: Sporado

Am 9. Juli waren wir wieder bei der „Staatsoper für alle“ mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim auf dem Bebelplatz in Berlin. Die Veranstaltung fand an diesem Ort nun schon zum 10. Mal in Folge statt. Diesmal gab es ein Violinkonzert (genauer: das Violinkonzert; der Komponist hat nur eines geschrieben)  des Finnen Jean Sibelius und anschließend Beethovens dritte Symphonie (die Eroica). Sommereinstieg weiterlesen

Respekt …

… für Norbert Walter-Borjans. Der nordrhein-westfälische Finanzminister legt trotz SPD-Parteibuch sein Veto gegen die Erbschaftsteuer-Konzeption von Schäuble / Gabriel / Seehofer ein. Kompromisse müssen sein. Aber eine Schenkung- und Erbschaftsteuerreform, die absehbar zum vierten Mal in Folge vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern müsste, ist nicht kompromissfähig.

Totalschaden?

Heute (20. Juni 2016) haben Wolfgang Schäuble, Sigmar Gabriel und Horst Seehofer einen Last-Minute- zu spät kommenden Kompromiss zur Schenkung- und Erbschaftsteuer vorgelegt. Das Bundesverfassungsgericht hatte die derzeitige Gesetzesfassung am 17. Dezember 2014 mit dem Urteil 1 BvL 21/12 für verfassungswidrig erklärt, seine Anwendung aber für längstens bis zum 30. Juni 2016 noch gestatt. Bis dahin allerdings müsse der Gesetzgeber – Bundestag und Bundesrat – das Gesetz repariert haben. Diese Frist noch zu halten, ist unmöglich.

Seit dem Steueränderungsgesetz vom 25. Februar 1992 durchlöchert der Gesetzgeber das Erbschaft- und Schenkungsteuerrecht immer weiter in Richtung auf eine wachsende Privilegierung von Unternehmern Totalschaden? weiterlesen

Faust auf den Tisch

SonntagsfrühstückFrühstück am Sonntagmorgen. Gesprächsthema unter anderem: die vierstündige Faust I und II – Aufführung des Berliner Ensemble am Vorabend in der Inszenierung von Robert Wilson und in Anwesenheit des Komponisten Herbert Grönemeyer. Schauspielerisch, aber vor allem stimmlich phantastisch: Christopher Nell als Mephistopheles. Musik: gefällig, teilweise spontan ohrwurmhaft. Die Textfassung von Jutta Ferbers klatscht das Ende von Faust II an das Ende von Faust I und lässt Faust II pessimistisch statt, wie in Goethes Original, optimistisch oder zumindest versöhnlich enden. Ist aber egal, weil das Ganze nach meinem Empfinden nicht als Schauspiel, sondern als Videokollage konzipiert ist und als solche virtuos, kurzweilig und witzig daher kommt. Wer sich für die „Philosophie“ des Faustthemas interessiert, hat hier nichts zu finden. Ebenso zu kurz kommt, wer zumindest den Plot verstehen will und ihn nicht sowieso schon kennt.

Das Stück hat viel Beifall bei der Kritik gefunden. Ich finde, auch diese Inszenierung markiert mal wieder den Sieg der Form über den Inhalt. Aber das stört heute kaum noch einen Kritiker.

Widerruf: Heute Abend habe ich noch ein paar Kritiken zur Premiere im April vergangenen Jahres nachgelesen – Deutschlandunk, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, ZEIT. Ich habe den Kritikern unrecht getan. Sie sind keineswegs so euphorisch, wie ich aus falscher Erinnerung behauptet habe. Sie gehen mit der Inszenierung doch hart ins Gericht. Obwohl ich zum Teil ganz andere Sachen schlecht fand, als sie.