„Nachrichten”

Es gibt Nachrichten und „Nachrichten”, bzw. sogenannte Nachrichten. Über sogenannte Nachrichten ärgere ich mich vor allem, wenn sie in meinem Leib- und Magensender Deutschlandfunk (DLF) vorkommen. Denn dessen Nachrichtensendungen genießen besonderes Ansehen. 2008 erhielt die Nachrichtenredaktion den Medienpreis des Deutschen Bundestags. Sie hat auch für Nachrichtenredakteure anderer Medien eine Vorbildfunktion.

Soeben verlas der Nachrichtensprecher zum Beispiel diesen Text: „Spaniens Ministerpräsident Rajoy ist als Chef der konservativen Volkspartei im Amt bestätigt worden. Auf einem Parteitag in Madrid wählten ihn die Delegierten mit 95 Prozent der Stimmen. Er hatte keine Gegenkandidaten. Rajoy kündigte an, Spanien weiterhin mit Umsicht und Verlässlichkeit zu regieren.”

Merkt dort eigentlich niemand, dass solche Texte das Neutralitätsgebot grob verletzen?

Der letzte Satz, dem übrigens keinerlei Nachrichtenwert zukommt, hätte bestenfalls lauten dürfen:  „Rajoy ‚versprach’ (oder: ‚sagte zu’), Spanien mit Umsicht und Verlässlichkeit zu regieren.” Ein Versprechen ist keine Ankündigung.

Durch Verwendung des Adjektivs „weiterhin” bescheinigt die Redaktion dem Ministerpräsidenten zudem als feststehende Tatsache, das Land schon in der Vergangenheit „mit Umsicht und Verlässlichkeit” regiert zu haben. Die redaktionelle Tatsachenbehauptung, Rajoy habe „angekündigt”, das Land „weiterhin mit Umsicht und Verlässlichkeit zu regieren”, ist parteilich, unprofessionell und schlampig.

In der vergangenen Woche hatten die DLF-Nachrichten einen ganzen Tag lang behauptet, dass die britische Regierung im März den Austritt des Königreichs aus der EU „beantragen” wolle. Tatsächlich will die Regierung der EU ihre Austrittsabsicht nur offiziell mitteilen, was ausreicht, um den späteren Austritt zu bewirken. Eigentlich weiß das jeder Oberschüler. Nachrichtenredakteure, denen solche Basiskenntnisse fehlen, begehen dann auch Missgriffe wie dem in der Rajoy-Meldung.