Trump mag hier keiner

Gestern kehrten wir von unserer New-York-Reise zurück nach Berlin. In den knapp vier Wochen haben wir viele neue Eindrücke gewonnen. Was ich so nicht erwartet hatte: Entstand eine Zufallsbekanntschaft, die über wenige Worte hinaus ging und uns als Ausländer kenntlich machte, distanzierten sich die New Yorker ungefragt und demonstrativ von Donald Trump.

Das war schon bei unserer Ankunft in der ersten Adventwoche so, als wir im Treppenhaus Bill kennen lernten, einen kommunal- und kulturpolitischen Aktivisten. Mit ihm freundete ich mich unter anderem deshalb an, weil er jahrzehntelang Wirtschaftsredakteur der New Yorker Tageszeitung „Journal of Commerce“ war und wir uns  beruflich einiges zu erzählen hatten. Auch politisch verstehen wir uns.

Bill hat ostasiatische Geschichte studiert, in Formosa gelebt und spricht mandarin. Er verschaffte uns auch Zutritt zu einer musikalischen Vorweihnachtsfeier des 41-jährigen neuen Bürgermeisters von Jersey City, Steven M. Fulop. Fulop ist Demokrat und, wie Bill sagt, Abkömmling von Holocaust-Überlebenden. Er wirkt ausgesprochen locker und begrüßt an der Seite seiner Frau jeden seiner mehreren hundert Gäste im „The Landmark Loew’s Theatre“ mit Handschlag.

Am Rande der Feier erzählt Bill uns von dem traurigen Niedergang des früher zur Economist-Gruppe gehörenden Journal of Commerce nach dem Fortgang der damaligen Chefin der Gruppe und dem Verkauf des Journal im Jahr 2001. Aber er berichtet auch von den juristischen Optionen zum Impeachment von Donald Trump und von den Familienfehden bei Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. Zwei blutsverwandte, aber uneinige Kushner-Familien besitzen Hotels und Hochhäuser gerade im aufstrebenden Jersey City. Das Gewinn- und Mietsteigerungspotential ist hoch, denn die Distanz von hier über den Hudson River bis zum World Trade Center ist kurz. Kürzer sogar noch als die Distanz vom World Trade Center über den East River nach Brooklyn oder Queens.

Der  Immobilienkonzern um Jared Kushner trommelt öffentlich gegen Steven Fulop, weil ihm der Bürgermeister die Baugenehmigung für ein Hochhaus am „Journal Square” verweigert, nahe der Wohnung, die vier Wochen unser Zuhause war. Fulop beruft sich auf vereinbarte, aber ausgebliebende Zahlungen.  Der Kushner-Konzern wirft dem Bürgermeister vor, dass hinter seiner Weigerung in Wahrheit die Verbindung von Jared Kushner zu Donald Trump steht.

Donald Trump ist sogar das Thema am Silvesterabend an der Bar des Jazz-Lokals Blue Note in Greenwich Village, wo wir den fantastischen Trompeter und Komponisten Chris Botti hören.

Musikpause
Musikpause vor Mitternacht

Das Ehepaar auf den Barhockern links von uns wohnt in der Upper Eastside von Manhattan. Sie ist Psychologin, er offenbar Wirtschaftsmann („I read the Economist“) mit besonderen archäologischen Neigungen. Als wir uns für sie als Berliner entpuppen, kommt als erstes die Frage, was nach Angela Merkel aus Deutschland wird. Dann folgt, wie aus der Pistole geschossen, die Distanzierung: „I don’t like Trump, my husband hates him“, sagt sie. Er bestätigt: „I hate him“ und „Eight out of ten New Yorkers did not vote for him.“ Außerdem sei Trump, anders als ihn das Ausland wahrnehme, als Immobilienunternehmer in New York ein Versager. Und sein Vermögen sei vor allem geerbt.

Am verblüffendsten fand ich eine Distanzierung von Trump am vergangenen Freitag, dem letzten vollen Tag unserer Reise. Vormittags besuchte ich nach einem Frühstück mit Bill das New York County Supreme Court ganz in der Nähe der Wall Street. Es wurde für mich ein in mehrfacher Hinsicht lehrreicher Besuch.

Das Gericht existiert seit 1691. Es ist das älteste seiner Art mit eigenständiger Rechtsprechung auf dem Gebiet der USA. Das tempelartige secheckige Gebäude, in dem die vor allem für Manhattan zuständige Zivil-Abteilung des Gerichts heute residiert, wurde allerdings erst 1927 fertig.

Die Sicherheitskontrolle ist hier so gründlich wie in deutschen Gerichten. Mit der Besonderheit, dass ich meine Kleinbildkamera abgeben muss. Die Fotoapparate im Mobiltelefon und im Tablet Computer darf ich behalten.

Unerwünschtes Selfie im Inneren des Supreme Court: Die Kuppeldecke der großen Halle ist mit aus USA-Sicht wichtigen historischen Szenen seit der Antike ausgemalt. Sie enthält auch ein Lutherportrait.

Alle Verhandlungsräume des Gerichts haben ein kleines Glasfenster zum Flur. So ist von außer zu sehen, ob drinnen ein Prozess stattfindet. Ich betrete einen Raum, in dem verhandelt wird, und setze mich in die letze Reihe.

Die drei Rechtsanwälte und der Einzelrichter tragen keine Roben, sondern Anzüge. Dafür hängt hinter dem Richter die US-Flagge.

Die Parteien streiten um eine Mieterhöhung. Meine Sprachkenntnisse reichen nicht, um die rechtlichen Details zu verstehen. Aber offensichtlich beruft sich der Mieteranwalt auf eine Aktenlage, die keine Mieterhöhungen erlaube. Der Richter lässt seine Skepsis gegenüber dessen Ausführungen offen erkennen.

Dann fällt mir rechts vor der Richterbank ein Mann auf, der mit gespreizten Beinen eine Haltung einnimmt, als würde er Cello spielen. Statt eines Cellos steht jedoch ein niedriges Tischchen mit einem kleinen grauen Kasten zwischen seinen Schenkeln. Der Mann bearbeitet das Kästenchen von den Seiten her mit beiden Händen, schaut es dabei aber nicht an. Er blickt – wie ein Cellospieler – geradeaus und hört zu. Ich weiß sofort, was ich vor mir habe, auch wenn ich es jetzt zum ersten Mal im Leben real sehe: Es ist ein „Court Reporter“ bei der Arbeit.

Ich weiß das, seit mir eine junge Frau vor vierzig Jahren beim Skifahren im tief verschneiten Vermont nahe der kanadischen Grenze erzählte, dass es ihr sehnlichster Berufswunsch wäre, Court Reporter zu werden. Ich glaubte zunähst, sie wollte Journalistin werden und Gerichtsreportagen schreiben. Bis sie mich aufklärte, dass ein Court Reporter in den USA eine Person ist, die bei Gerichtsverhandlungen eine Art Wortprotokoll erstellt. Dazu muss sie entweder perfekt handschriftlich Steno schreiben oder – was zu schnelleren Ergebnissen führe, aber ebenfalls schwer zu erlernen sei – eine mechanische Stenographie-Maschine bedienen können. Und jetzt habe ich diese Maschine – vermutlich längst elektronisch – vor mir. Mich erstaunt, wie sicher und langsam der Court Reporter seine Finger auf dem Stenograph bewegt.

Dann richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Prozess. Wie lange mag schon verhandelt worden sein? Vor der Tür hing, anders als in Deutschland, keine Terminrolle. Ich kann also nicht wissen, wann die Sache frühestens aufgerufen worden war. Und um welche Art Mietvertrag mag es gehen? Das hätte ich vermutlich erkannt, hätte ich die Fachbegriffe verstanden und einordnen können.

Trotzdem bin ich sehr zufrieden, als der Richter die Verhandlung jetzt mit leider zu leiser Stimme beendet und wohl sinngemäß sagt, dass er die Parteien von seiner Meinungsbildung schriftlich unterrichten werde. Als der Richter den Raum schon verlassen hat, geht der Court Reporter zu den Rechtsanwälten, und ich verstehe, dass er für seine Niederschrift noch „two or three days“ braucht.

Da läuft doch einiges sehr viel anders als in Deutschland, und ich finde, besser. Die Institution des anscheinend unabhängigen Court Reporters ist mir plötzlich hoch sympathisch. Und dass Richter und Anwälte nicht durch die Robe als Person über andere Menschen erhoben werden, sondern vielmehr die Fahne als Symbol des Volkes und der Rechtsstaats hinter dem Richter hängt: Das würde mir auch gefallen, wenn die Farben schwarz, rot und gold wären.

Als ich anschließend durch die höher gelegenen Etagen des Gerichtshofs streife, spricht mich ein uniformierter Sicherheitsmann des Gerichts an. Er möchte wissen, was ich hier suche. Ich sage ihm, ich sei gerade als Zuhörer bei einer Verhandlung gewesen und suchte nach weiteren öffentlichen Prozessen. Er sagt, dass heute wegen des beginnenden Wochenendes keine Verhandlung mehr stattfindet und fragt mich aufgrund meines Akzents, woher ich komme.

Als er hört, dass ich Deutscher und ein Journalist jenseits der Pensionsgrenze bin, bietet er mir an, Platz zu nehmen und hält mir, als wäre er der Pressebeauftragte des Gerichts, einen Vortrag von mindestens zehn Minuten. Er erzählt mir von der Bedeutung und der Geschichte dieses Hauses. Es sei wegen seiner Zuständigkeit für Zivilsachen in Manhattan und insbesondere den Financial District das Gericht mit den spannendsten Prozessen der USA, zuständig auch für viel Prominenz.

Das prächtige Hauptgebäude des New York County Supreme Court mit dem großen Treppenportal ist für zivile Angelegenheiten zuständig und befindet sich ganz im Süden Manhattans am Fuße der Brooklyn und der Manhattan Bridge. Die Gebäude für Strafsachen befindet sich ein paar Straßenzüge dahinter, gleich neben dem Gefängnis.

Früher, so fährt er fort, hätte man hier auch erleben können, wie sehr sich die New Yorker mit diesem Gericht identifiziert hatten. Als der spätere viermalige Präsident Franklin D. Roosevelt noch Governor des Staates New York war, habe er einem Richter einmal hier im Gebäude den Amtseid abgenommen. Damals sei die Identifikation der Bürger mit solchen Politikern und mit gewählten Richtern noch intakt gewesen. Das hätte man daran sehen können, dass das ganze gewaltige Treppenportal vor dem Gericht – „die Treppe, auf der Sie gerade herein gekommen sind“ – von oben bis unten und von links bis rechts mit Blumen bedeckt gewesen sei. Die hätten, aus Respekt vor Roosevelt und den Richtern, einfache Bürger hierher gebracht.

Dann kommt  der Uniformierte zum Punkt. Ohne den jetzigen Präsidenten beim Namen zu nennen, spielt er auf Donald Trumps falsche Behauptung vor zwei Jahren an, bei seiner Amtseinführung wäre es zur größten begeisterten Massenversammlung gekommen, die es in den Vereinigten Staaten anlässlich eines solchen Ereignisses je gegeben hätte, und das zeigte, wie beliebt er im Volke wäre. So etwas sei zu Roosevelts Zeiten nicht notwendig und nicht denkbar gewesen. Ich nicke ihm zu, dass ich verstanden habe.

Die hiesige Stimmungslage in Bezug auf Donald Trump scheint mir klar zu sein und lässt hoffen. Nur muss ich mir einen Satz in Erinnerung rufen, den ich hier schon vor vier Jahrzehnten immer wieder gehört hatte: „New York is not Amerika.“