Weißer als bleich

Seit Jahrzehnten höre ich sonnabends während meiner morgendlichen Verrichtungen ab 10:05 Uhr im Deutschlandfunk die Sendung „Klassik-Pop-et cetera“. Künstler unterschiedlicher Genres stellen hier eine subjektive und mit der eigenen Biografie verwobene Musikauswahl vor. Manchmal bringt mich das zum Nachlesen.

Der Schriftsteller Eugen Ruge spielte letzten Sonnabend den Procul-Harum-Klassiker „A Whiter Shade of Pale“ ab und erzählte etwas dazu. Ich erinnerte mich sofort an meine letzten Sommerferien vor dem Abitur, 1967. Damals schien es mir, als dröhnte dieser neue Hammond-Orgel-Hit aus jedem offenen Fenster und jedem Strandlautsprecher.

Er war auf diese Weise auch mein ständiger Begleiter, als ich mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand Autos anhielt und eine sechswöchige Rundtour von Hamburg nach Paris, Marseilles, Saint-Tropez, Nizza und wieder zurück nach Hamburg unternahm und dabei – außer in Paris – überwiegend im Freien nächtigte. Als ich damals in Paris ankam, hatte ich immer noch nicht verstanden, um was es in dem Musikstück überhaupt geht und warum das bleiche Gesicht einer der „sixteen vestal virgins“ plötzlich noch um einen Schatten weißer geworden sein sollte.

Ich kaufte mir im Musikladen dann auch nicht diesen Titel, sondern die ebenfalls gerade erschienene Beatles-Platte „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ und präsentierte sie stolz meinem Pariser Austausch-Schulfreund François, bei dem ich zwei Wochen wohnte.

Irgendwann an der Côte d’Azur, als ich unter der südfranzösischen Sonne immer brauner wurde, war mir dann aber klar, dass „A Whiter Shade of Pale“ endgültig der Sommerhit des Jahres gewonnen war. Und natürlich ist mir dieses Stück seit 1967 bis heute so oft begegnet wie wenige andere.

Am Sonnabend nahm ich die Radio-Sendung zum Anlass, den Text noch mal im Netz anzuschauen und ein bisschen über die Band und ihren größten Erfolg nachzulesen.

Meine drei Aha-Erlebnisse:

Erstens: Über den Sinn des Textes rätselt auch die angelsächsische Fachwelt bis heute. Der Texter Keith Reid hat sich zwar dazu geäußert, aber dabei nicht viel Licht ins Dunkle gebracht.

Zweitens: Die Musik ist offensichtlich zum Teil von Johann Sebastian Bach geklaut. Das hatte ich ganz klar schon als Jugendlicher gespürt.  Nur staune ich jetzt, wie viele Bach-Kompositionen im Internet als die wahre Quelle herangezogen werden.

Drittens (;-): Der Song begeht Geschichtsfälschung. Von wegen „Sixteen vestal virgins“. Die Zahl der vestalischen Jungfrauen, die auf dem Forum Romanum aufpassen mussten, dass im Tempel der Vesta das Feuer nicht ausgeht, war nie höher als sieben.

Das finde ich alles interessant. Danke an Klassik-Pop-et cetera und Eugen Ruge dafür, das Stück gespielt zu haben.