Sommereinstieg

Daniel Barenboim noch mit Lisa Batiashwili und der Staatskapelle Berlin
Noch in Arbeitsklamotten: Gut eine Stunde vor Konzertbeginn übt Daniel Barenboim mit Lisa Batiashvili und der Staatskapelle. Foto: Sporado

Am 9. Juli waren wir wieder bei der „Staatsoper für alle“ mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim auf dem Bebelplatz in Berlin. Die Veranstaltung fand an diesem Ort nun schon zum 10. Mal in Folge statt. Diesmal gab es ein Violinkonzert (genauer: das Violinkonzert; der Komponist hat nur eines geschrieben)  des Finnen Jean Sibelius und anschließend Beethovens dritte Symphonie (die Eroica). Solistin des Violinkonzerts war  die georgische Geigerin Lisa Batiashvili (Foto). Wenn ich mich nicht verrechne, nahm ich nun schon zum neunten Mal an diesem festlichen Event teil.

Unsere dort vor Jahren für etwas über 10 Euro das Stück gekauften Klapp-Konzertsessel mit Armlehnen und Getränkehalter zeigten sich am Ende des diesjährigen Konzerts zerschlissen. Um sie nicht wieder am Fahrrad festschnallen zu müssen, entsorgten wir sie direkt nach dem Applaus an Ort und Stelle. Allerdings hatten mich beide Möbel auch auf meinen zwei- bzw. fast zweimonatigen Zeltreisen durch Italien im letzten und vorletzten Jahr begleitet.

Wir waren früh gekommen und hatten erstklassige Plätze weit vorne auf der Straße Unter den Linden, den Bebelplatz im Rücken, vor uns auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Musiker unter dem durchsichtigen Baldachin, durch das von hinten das Denkmal Wilhelm von Humboldts hindurch schien. Wenn Barenboim dirigierte, hatte er immer auch Humboldt vor Gesicht.

Allerdings fiel mir – gerade wegen unserer guten Plätze – ein Schönheitsfehler auf. Damit die rund 40.000 Gäste hinter unserem Rücken alles mitkriegen, wurde das Konzert mit riesigen Lautsprechern verstärkt und auch auf mehrere Großbildleinwände übertragen. Das Ergebnis nahmen wir aufgrund unserer Nähe zum Geschehen fast gleichzeitig mit dem Original wahr.

Dadurch wurde uns bewusst, dass die elektronische Synchonisation sowohl des Tons wie des Bilder deutlich hinter dem Taktschlag des Dirigenten und, besonders offensichtlich, hinter der Bewegung des Geigenbogens Lisa Batiashvilis zurück blieb. Von Nahem ist das ein unangenehmer Effekt. À propos Batiashvili: Der Geigerin verdanke ich auch ein ganz anderes Aha-Erlebnis. Sie spielte in meinen Augen – nie vergessen: ich bin Laie – ganz wunderbar. Und doch war ich enttäuscht. Ich hatte sie an dieser Stelle im Vorjahr ganz anders erlebt. Jetzt erschien sie mir, als wäre nur ein matter Schatten ihrer letztjährigen Strahlkraft geblieben.

Im vergangenen Jahr hatte ich mich für sie begeistert, weil mir ihre spielerische Präsenz am selben Ort schlicht den Atem geraubt hatte.

Inzwischen ist mir klar, woher der Unterschied kommt: Sie hatte damals als Solistin Peter Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur, Opus 35 gespielt. Das ist,  wie es letztes Jahr auf der Homepage der Lindenoper gestanden hatte. „eines der großen, spieltechnisch wie gestalterisch enorm anspruchsvollen Werke des 19. Jahrhunderts“.

Eine vergleichbare Qualifizierung des schönen Violinkonzerts von Jean Sibelius findet sich diesmal nicht auf der Homepage der Staatsoper Unter den Linden. Jetzt weiß ich: Meine Bewunderung im vergangenen Jahr war Ergebnis einer ganz außergewöhnlichen musikalischen Herausforderung, der sich die Geigerin seinerzeit mit Bravour gestellt hatte. Diesmal repräsentierte sie dann wohl eher das stille, ganz tiefe Wasser.

Wie auch immer. Die „Staatsoper für alle“ markiert für mich seit Jahren den Einstieg in den Sommer. Daniel Barenboim, der das Ganze trägt, bewundere ich.  Er verkörpert abendländische Kultur im besten Sinne. Menschliche Toleranz ist bei ihm keine bloße passive Geisteshaltung. Er fördert sie mit dem, was ihm vor allem zu Gebote steht, mit der Sprache der Musik. Im „West-Eastern Divan Orchestra“- das ich leider noch nie gehört habe – bringt er Musiker aus politisch und religiös verfeindeten Lagern zusammen, lässt sie gemeinsam üben und vortragen und baut emotionale Brücken, die eines Tages auch tragfähig für Nichtmusiker sein dürften.

Dass sich BMW als Sponsor der Veranstaltung jedesmal bis zur Peinlichkeits-Grenze selbst feiert, nehme ich nicht übel. Einen Tag nach dem Konzert stiegen wir mit Genuss in unseren 16 Jahre und 182.000 Kilometer alten BMW 218 i Touring und machten uns davon. Das Auto hat seit 14 Jahren fast keine BMW-Werkstatt mehr gesehen. Es hat einen leisen Motor und eine solide Musikanlage.